Herbert Czaja

Herbert Helmut Czaja (* 5. November 1914 in Teschen; † 18. April 1997 in Stuttgart) war ein deutscher Politiker der CDU. Er war von 1970 bis 1994 Präsident des Bundes der Vertriebenen.

Nach dem Abitur auf dem Deutschen Staatsgymnasium in Bielitz absolvierte Czaja von 1933 bis 1938 ein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Krakau und Wien. Er war dann als Lehrer im Höheren Schuldienst tätig und arbeitete schließlich als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Krakau. 1937/38 gehörte er dem Deutschen Verband zur nationalen Befriedung Europas an, den sein früherer Lehrer, der bekannte Hitler-Gegner Senator Eduard Pant gegründet hatte. In Krakau erfolgte 1939 auch seine Promotion zum Dr. phil. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen weigerte er sich, in die NSDAP einzutreten. Dies führte zum Verlust seiner Assistentenstelle. Ab 1940 war er als Oberschullehrer in Zakopane und Przemyśl tätig. 1942 wurde er zur Wehrmacht einberufen und an der Ostfront schwer verwundet.
Nach der Vertreibung war er ab 1946 im gymnasialen Schuldienst in Stuttgart, zuletzt als Studienrat, tätig.
Herbert Czaja war mit Eva-Maria Reinhardt (* 29. November 1926 in Stuttgart, † 28. Juni 2006 ebenda) verheiratet und hatte neun Kinder. Seine älteste Tochter Christine, langjährige stellvertretende Vorsitzende der Landsmannschaft der Oberschlesier, hat 2003 biographische Beiträge über ihn veröffentlicht.
Czaja stammt aus einem römisch-katholischen Elternhaus und war seit 1933 Mitglied der Deutschen Christlichen Volkspartei Eduard Pants. Czaja engagierte sich sowohl in Krakau als auch in Wien in deutschen studentischen Vereinigungen volkspolitisch.
Nach dem Krieg wurde Czaja Mitglied in der Jungen Union und der CDU. Hier gehörte er auch zu den Mitbegründern der Union der Heimatvertriebenen in der CDU, deren Landesvorsitzender für Nord-Württemberg er 1952 wurde.
Von 1947 bis 1953 gehörte Czaja dem Stadtrat von Stuttgart an.
Von 1953 bis 1990 war Czaja Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1980 bis 1990 war er Vorsitzender der Gruppe der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Herbert Czaja war von der 2. bis zur 9. Wahlperiode über die Landesliste Baden-Württemberg und in der 10. und 11. Wahlperiode als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Stuttgart II in den Deutschen Bundestag eingezogen.
Czaja hielt im Gegensatz zur großen Mehrheit der Bundestagsabgeordneten aller Parteien die Wiedervereinigung Deutschlands durch die Vereinigung von Bundesrepublik und DDR für nicht abgeschlossen, weil die ehemals deutschen Ostgebiete nicht eingeschlossen waren. Er stimmte deshalb im Einigungsprozess mehrfach auch gegen die Mehrheit seiner eigenen Fraktion ab, unter anderem gegen die Gemeinsame Entschließung zur deutsch-polnischen Grenze, gegen den Einigungsvertrag sowie gegen den Zwei-plus-Vier-Vertrag.
Im September 1990 versuchte er außerdem gemeinsam mit anderen Fraktionskollegen vergeblich mittels eines Antrages auf Erlass einer einstweiligen Anordnung beim Bundesverfassungsgericht die Beratung des Einigungsvertrages im Bundestag zu verhindern. Der Antrag wurde als „offensichtlich unbegründet“ verworfen.
Auch nach der deutschen Wiedervereinigung und seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1990 setzte Czaja seinen politischen Kurs unnachgiebig fort und stellte noch radikalere Forderungen. In seinem über tausendseitigen Buch Unterwegs zum kleinsten Deutschland? forderte er noch 1996 eine Wiederherstellung des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937, die „keineswegs der Endpunkt … sein müssen“. Der Politikwissenschaftler Ernst-Otto Czempiel bezeichnete ihn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung daraufhin als „Verschwörungstheoretiker“ und „politischen Geisterfahrer“, für den „der Begriff des Revisionismus viel zu harmlos ist“. Neuere historische Arbeiten weisen demgegenüber darauf hin, dass Czaja trotz seines Widerstandes gegen die sozialliberale Ostpolitik bereits in den späten 1960er Jahren aus „echter christlich motivierter Versöhnungsbereitschaft“ Alternativen zur nationalstaatlichen Revisionspolitik entwickelte, die „einen Neuanfang auf der Basis eines gleichberechtigten Miteinanders und eines gerechten Ausgleichs der Gegensätze“ anstrebten.
Czaja war Mitbegründer des Hilfsverbandes der Heimatvertriebenen in Stuttgart und gehörte auch dem Kreisflüchtlingsausschuss an. Er war Mitbegründer der Vertriebenen-Genossenschaft Neues Heim und gehörte dem Vorstand der Ackermann-Gemeinde an.
Seit 1948 war Czaja gewähltes Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).
Herbert Czaja war seit 1969 Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier und von 1970 bis 1994 Präsident des Bundes der Vertriebenen. Er übernahm dieses Amt in der Zeit der neuen Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition. Czaja war u.a. daran beteiligt, zu den deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen Alternativen zu erarbeiten, die er 1980 in einer Dokumentation veröffentlichte.
Zudem fungierte er von 1974 bis zu seinem Tode 1997 als Vorsitzender des Kuratoriums der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.
Herbert Czaja erhielt 1968 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland, 1973 das Große Verdienstkreuz und 1984 das Große Verdienstkreuz mit Stern, am 7. Mai 1988 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. 1989 wurde er mit dem Preußenschild geehrt. Im Jahre 2002 wurde in Stuttgart-Zuffenhausen der Dr.-Herbert-Czaja-Weg nach ihm benannt.
Georg Baron Manteuffel-Szoege und Linus Kather | Hans Krüger | Wenzel Jaksch | Reinhold Rehs | Herbert Czaja | Fritz Wittmann | Erika Steinbach | Bernd Fabritius

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Unión Progreso y Democracia

Die Unión Progreso y Democracia (UPYD, früher auch abgekürzt als UPyD oder UPD) (dt. Union Fortschritt und Demokratie) ist eine 2007 gegründete spanische politische Partei. Sie versteht sich als zentristisch-liberale Alternative zwischen der konservativen Partido Popular und der sozialdemokratischen PSOE. Ein wesentlicher Bestandteil ihres Programms ist die Ablehnung der regionalen Nationalismen, wie sie etwa von den baskischen Parteien PNV und EA oder den katalanischen CiU und ERC vertreten werden. Vorsitzende der Partei war von 2007 bis 2015 Rosa Díez, die zuvor Präsidentin des baskischen Regionalverbands der PSOE sowie Mitglied des Europaparlaments gewesen war, dann aber aus Protest gegen die Verhandlungen der Regierung Zapatero mit der baskischen Terrororganisation ETA aus der PSOE ausgetreten war.
Unter den Förderern von UPYD befinden sich verschiedene bekannte Persönlichkeiten wie der Professor und Ex-Präsident des Forums von Ermua Mikel Buesa, die Philosophen Carlos Martínez Gorriarán und Fernando Savater sowie der Schriftsteller Mario Vargas Llosa.
Den Ursprung der drei Konzepte, auf denen der Name der Partei beruht, haben Mikel Buesa bei einer Vorstellung der Partei im Jahr 2007 und Irene Lozano bei einem Fernsehinterview im Jahr 2013 erklärt: Union aufgrund ihrer unbedingten Verteidigung der „Einheit Spaniens“, Fortschritt, weil sie sich als „eine fortschrittliche, die individuelle Freiheit respektierende Partei“ definieren, und Demokratie, weil sie „eine radikale Partei mit Engagement für die Vertiefung der Demokratie“ sind.
Mitte 2009 kam es zu parteiinternen Konflikten, bei denen eine Gruppe um Mikel Buesa den ihrer Ansicht nach autoritären Führungsstil Rosa Díez’ und den Mangel an parteiinterner Demokratie kritisierte. Die Auseinandersetzungen führten schließlich zum Parteiaustritt zahlreicher Kritiker, darunter mehrere Gründungsmitglieder sowie Inhaber von Vorstandsposten auf nationaler und regionaler Ebene. Auch in den folgenden Jahren war die jüngste der im Parlament vertretenen Parteien wiederholt von prominenten Rück- und Austritten betroffen. Nach einem Höchststand von 6634 im Jahr 2011 hatte die UPYD 2012 zwischenzeitlich nur noch 6068 Mitglieder, im September 2013 dann 6165. Im Juli 2015 hatte die Partei 4.028 Mitglieder.
Nachdem die UPYD seit der Parlamentswahl 2011 in den Umfragen stetig zulegen konnte und zeitweise als drittstärkste Partei ausgewiesen wurde, wurden die Umfragewerte für die UPYD konstant geringer. Besonders an die liberale Partei Ciudadanos verlor die UPYD Anhänger. Zeitweise war eine Fusion zwischen UPYD und Ciudadanos im Gespräch. Nachdem Parteichefin Díez dies jedoch ablehnte, traten mehrere Parteifunktionäre der UPYD zu den Ciudadanos über. Inzwischen liegt die UPYD in den Umfragen bei unter einem Prozent, während die Ciudadanos bei etwa 15 Prozent liegen. Bei den Regional- und Kommunalwahlen vom 24. Mai 2015 musste die UPYD Verluste hinnehmen, sodass die Parteivorsitzende Rosa Díez ankündigte, beim nächsten Parteitag nicht mehr für den Parteivorsitz zur Verfügung zu stehen.
Am 11. Juli 2015 wurde Andrés Herzog zum neuen Vorsitzenden der UPYD gewählt. Er setzte sich dabei gegen die Kongressabgeordnete Irene Lozano durch. Lozano selbst verließ wenige Monate später die UPYD und kündigte an, bei den Parlamentswahlen am 20. Dezember für die PSOE zu kandidieren.
Infolge der internen Querelen innerhalb der Partei sowie des Estarkens der Ciudadanos fiel die UPYD bei der Parlamentswahl 2015 von 4,7 % auf 0,6 % zurück und verlor sämtlich Mandate im Kongress. Anfang 2016 trat Parteichef Herzog aufgrund des Wahlergebnisses zurück, sein Nachfolger wurde der einzige noch verbleibende Abgeordnete der UPYD auf regionaler Ebene Gorka Maneiro, welcher die Partei zurzeit im baskischen Regionalparlament vertritt.
Bei den Spanischen Parlamentswahlen 2008 gewann die Partei bei landesweit 1,2 % der Stimmen ein Kongressmandat im Wahlkreis Madrid für Rosa Díez. Ihren Anteil konnte die UPYD bei den folgenden Parlamentswahlen 2011 auf 4,7 % steigern, was eine Steigerung von einem auf seitdem fünf Mandate bedeutete. 2015 verlor sie alle Mandate und fiel auf 0,6 % der Stimmen.
Bei den baskischen Regionalwahlen 2009 kam die UPYD auf 2,1 % der Stimmen und ebenfalls einen Sitz, den sie 2012 mit 1,94 % verteidigen konnte.
Bei der Europawahl 2014 steigerte die Partei ihren Anteil gegenüber 2009 von 2,87 auf 6,50 %. Statt bisher mit einem ist sie nun mit vier Abgeordneten im Europäischen Parlament vertreten und ist dort Teil der Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE).
Fraktion der Volkspartei: PP (119) | Sozialistische Fraktion: PSOE-PSC (89) | Podemos-Fraktion: Podemos-EM-ECP (65) | Ciudadanos-Fraktion: C’s (40) | Fraktion der Republikanischen Linken: ERC (9) | Katalanische Fraktion: CDC (8) | Baskische Fraktion: EAJ-PNV (6) | Gemischte Fraktion: Compromís (4) · EH Bildu (2) · IU (2) · UPN (2) · CC-PNC (1) · FAC (1) · NC (1) · Parteiloser (ehem. PP) (1)

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Barbara Bongartz

Barbara Bongartz (* 11. September 1957 in Köln) ist eine deutsche Schriftstellerin deutsch-französischer Herkunft. Sie verfasst Romane, Erzählungen, Essays, Texte zur Bildenden Kunst, Buchbesprechungen und Hörfunkbeiträge.

Barbara Bongartz studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft (TFF), Germanistik und Philosophie in Paris, München und Köln. 1984 erwarb sie den Magister an der Universität zu Köln. Von 1982 bis 1988 arbeitete sie als freie Regieassistentin und Regisseurin (Dokumentationen zur Bildenden Kunst).
1989 promovierte sie am Institut für Theater-Film-und Fernsehwissenschaft der Universität in Köln bei Elmar Buck, einem Schüler Hans Mayers.
Von 1990 bis 1996 war sie wissenschaftliche Assistentin am Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Sie begann eine Habilitation mit dem Arbeitstitel „Film und Melancholie“, die sie abbrach, als ihr erster Roman „Örtliche Leidenschaften – Compilationes“ erschien. Von 1996 an lebte sie als freie Schriftstellerin in Düsseldorf und New York. In Zusammenarbeit mit der Bildenden Künstlerin Gisela Kleinlein entstanden Editionen und Vorzugsausgaben ihrer Schriften. Seit 2002 lebt und arbeitet sie in Berlin, seit 2010 auch in Duschanbe.
Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

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Landkreis Nürtingen

Der Landkreis Nürtingen war ein Landkreis in Baden-Württemberg, der im Zuge der Kreisreform am 1. Januar 1973 aufgelöst wurde.

Der Landkreis Nürtingen lag in der Mitte Baden-Württembergs.
Geografisch hatte er Anteil an den Ausläufern der Schwäbischen Alb. Durch das ehemalige Kreisgebiet fließt der Neckar.
Seine Nachbarkreise waren 1972 im Uhrzeigersinn beginnend im Norden Esslingen, Göppingen, Münsingen, Reutlingen, Tübingen und Böblingen.
Das Gebiet des Landkreises Nürtingen gehörte bereits vor 1800 überwiegend zu Württemberg. Daher gab es auch schon vor 1800 die Oberämter Nürtingen und Kirchheim, die neben anderen Oberämtern Anteile am späteren Kreisgebiet hatten. Ab 1810 gehörten die Oberämter Nürtingen und Kirchheim zur Landvogtei auf der Alb. Ab 1818 gehörte das Oberamt Kirchheim zum Donaukreis, das Oberamt Nürtingen zum Schwarzwaldkreis, die beide 1924 aufgelöst wurden. 1934 wurden die Oberämter in Kreise umbenannt und nach dem Gesetz über die Landeseinteilung vom 24. April 1938 wurde der Kreis Kirchheim auf 1. Oktober 1938 mit dem Kreis Nürtingen vereinigt. Zum Kreissitz wurde Nürtingen bestimmt. 1945 kam der Landkreis Nürtingen zum neugebildeten Land Württemberg-Baden, das 1952 im Bundesland Baden-Württemberg aufging. Von da an gehörte er zum Regierungsbezirk Nordwürttemberg, der den württembergischen Teil Württemberg-Badens umfasste.
Mit Wirkung vom 1. Januar 1973 wurde der Landkreis Nürtingen aufgelöst. Seine Gemeinden gingen nahezu ganz im neuen Landkreis Esslingen auf, der damit Rechtsnachfolger des Landkreises Nürtingen wurde. Die Gemeinde Grafenberg kam jedoch zum Landkreis Reutlingen.
Das Kreisarchiv Nürtingen ist im Kreisarchiv Esslingen aufgegangen, das mittlerweile auch den Nachlass von Landrat Ernst Schaude verwahrt.
Alle Einwohnerzahlen sind Volkszählungsergebnisse.
Mit der Kreisreform wurden mehrere Landkreise in Baden-Württemberg aufgelöst und viele Kreisgrenzen neu gezogen – wobei wohl nicht immer sachliche Gründe ausschlaggebend waren, sondern parteipolitische Interessen mitschwangen. Die Auflösung des Landkreises Nürtingen war jedoch besonders umstritten. Im Oktober 1970 legte Gottfried Müller vom Lehrstuhl für Raumforschung, Raumordnung und Landesplanung der Technischen Universität München ein Gutachten vor, das sich klar gegen eine Auflösung des Landkreises Nürtingen aussprach.
Nachdem sich die damalige Koalition von SPD und CDU auf 35 Landkreise als neue Zahl geeinigt hatte, eine Änderung dieser Zahl vor allem für die SPD ein Tabu war, der CDU andererseits sehr viel am Weiterbestehen des Kreises Künzelsau lag, wurde eine Vereinigung der Landkreise Esslingen und Nürtingen „unumgänglich“.
Die Landtagskommission „Verwaltungsreform“ hatte sodann vorgeschlagen, nach der Vereinigung beider Kreise Nürtingen zur Kreisstadt zu machen. In erster und zweiter Lesung wurde daran nichts geändert. Dann aber begann im Landtag ein großer Tauschhandel, bei dem mehrere Gemeinden in andere Kreise geschoben und schließlich auch Entscheidungen wie die gekippt wurden, Nürtingen zum Kreissitz des neuen Kreises zu machen. Der Artikel „Schon wieder ist ein Kreis verreckt“ von Jörg Bischoff in der Stuttgarter Zeitung vom 18. Juli 1971 äußerte sich sehr kritisch zu diesem „politischen Geschacher“.
Landräte des Landkreises Nürtingen 1938 bis 1972:
Die Oberamtmänner von 1805 bis 1938 sind im Artikel Oberamt Nürtingen dargestellt.
Das Wappen des Landkreises Nürtingen war unter silbernem Schildhaupt, darin eine liegende schwarze Hirschstange, gespalten, vorne goldene und schwarze Wecken, hinten in Rot übereinander drei goldene Hifthörner. Das Wappen wurde dem Landkreis Nürtingen am 28. November 1949 durch die Landesregierung Württemberg-Baden verliehen.
Die Hirschstange ist das Symbol Württembergs, das Jagdhorn das der Herren von Neuffen und Urach und die Wecken stehen für die Grafen bzw. Herzöge von Teck. Sie alle beherrschten früher im Wesentlichen das spätere Kreisgebiet des Landkreises Nürtingen.
Durch das Kreisgebiet führte die Bundesautobahn 8 sowie die Bundesstraßen 10, 297 und 313, ferner mehrere Landes- und Kreisstraßen.
Zum Landkreis Nürtingen gehörten ab 1938 zunächst sechs Städte und 43 Gemeinden. Einige Orte hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Selbständigkeit verloren: 1919 war die Gemeinde Oberensingen in die Stadt Nürtingen eingegliedert worden. Lindorf und Ötlingen waren 1935 in die Stadt Kirchheim unter Teck, Brucken 1937 in die Gemeinde Unterlenningen und Balzholz 1938 in die Gemeinde Beuren eingegliedert worden. 1940 wurde die Gemeinde Unterboihingen in die Gemeinde Wendlingen eingegliedert, dessen im 19. Jahrhundert aufgegebenes Stadtrecht 1964 erneuert wurde. Somit gab es zuletzt 48 Gemeinden, darunter sieben Städte.
Am 7. März 1968 stellte der Landtag von Baden-Württemberg die Weichen für eine Gemeindereform. Mit dem Gesetz zur Stärkung der Verwaltungskraft kleinerer Gemeinden war es möglich, dass sich kleinere Gemeinden freiwillig zu größeren Gemeinden vereinigen konnten. Den Anfang im Landkreis Nürtingen machte am 1. Januar 1971 die Gemeinde Schlattstall, die in die Gemeinde Oberlenningen eingegliedert wurde. In der Folgezeit reduzierte sich die Zahl der Gemeinden stetig, bis der Landkreis Nürtingen schließlich 1973 aufgelöst wurde.
Die größte Gemeinde des Landkreises war die Stadt Kirchheim unter Teck, die seit dem 1. April 1956 Große Kreisstadt ist. Die kleinste Gemeinde war Schlattstall.
In der Tabelle stehen die Gemeinden des Landkreises Nürtingen vor der Gemeindereform. Alle Gemeinden gehören heute zum Landkreis Esslingen, lediglich Grafenberg gehört heute zum Landkreis Reutlingen. Die Einwohnerangaben beziehen sich auf die Volkszählungsergebnisse in den Jahren 1961 und 1970.
Am 1. Juli 1956 wurde dem Landkreis bei der Einführung der bis heute gültigen Kfz-Kennzeichen das Unterscheidungszeichen NT zugewiesen. Es wurde bis zum 31. Dezember 1972 ausgegeben. Seit dem 10. November 2014 ist es im Landkreis Esslingen erhältlich.
Aalen | Backnang | Baden-Baden | Balingen | Biberach | Böblingen | Bruchsal | Buchen | Bühl | Calw | Crailsheim | Donaueschingen | Ehingen | Emmendingen | Esslingen | Freiburg (Stadt) | Freiburg (Land) | Freudenstadt | Friedrichshafen | Göppingen | Hechingen | Heidelberg (Stadt) | Heidelberg (Land) | Heidenheim | Heilbronn (Stadt) | Heilbronn (Land) | Hochschwarzwald | Horb | Karlsruhe (Stadt) | Karlsruhe (Land) | Kehl | Konstanz (Stadt) | Konstanz (Land) | Künzelsau | Lahr | Leonberg | Lörrach | Ludwigsburg | Mannheim (Stadt) | Mannheim (Land) | Mergentheim | Mosbach | Müllheim | Münsingen | Neustadt/Schwarzwald | Nürtingen | Offenburg | Öhringen | Pforzheim (Stadt) | Pforzheim (Land) | Rastatt | Ravensburg | Reutlingen | Rottweil | Säckingen | Saulgau | Schwäbisch Gmünd | Schwäbisch Hall | Sigmaringen | Sinsheim | Stockach | Stuttgart | Tauberbischofsheim | Tettnang | Tübingen | Tuttlingen | Überlingen | Ulm (Stadt) | Ulm (Land) | Vaihingen | Villingen | Waiblingen | Waldshut | Wangen | Wolfach

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Schwarzer Tag des deutschen Heeres

Als Schwarzer Tag des deutschen Heeres wird nach einem Ausspruch General Erich Ludendorffs der 8. August 1918 bezeichnet, der Auftakt der Schlussoffensive der Entente im Ersten Weltkrieg (Offensive der hundert Tage oder Hunderttageoffensive) vom 8. August bis zum 11. November.
„Der 8. August ist der schwarze Tag des deutschen Heeres in der Geschichte dieses Krieges.“
Den alliierten Truppen gelang am 8. August 1918 in der Schlacht bei Amiens ein Einbruch an der Westfront. Sie zwangen die deutschen Truppen zum Rückzug auf breiter Front. Bereits einen Tag später wurde die Lage allerdings wieder stabilisiert und der Vormarsch der alliierten Truppen abgebremst. Ausschlaggebend für diesen Sieg war die massive Überlegenheit der Alliierten, die seit dem Kriegseintritt der USA im Frühjahr 1917 entstanden war. Das US-Expeditionskorps wurde 1918 mit jedem Monat stärker. Ein Ziel der gescheiterten deutschen Frühjahrsoffensive 1918 war, diesen Faktor gar nicht erst wirksam werden zu lassen.
Mit dem Sieg über die deutschen Truppen an der Frontlinie vor Amiens war die Wende im Ersten Weltkrieg endgültig besiegelt und die Niederlage Deutschlands nur noch eine Frage der Zeit. Es war zwar kein strategischer Durchbruch der Alliierten – dieser war allgemein im Stellungskrieg beim Stand der Militärtechnik des Jahres 1918 kaum zu verwirklichen. Vielmehr war es die „moralische Niederlage“ des 8. August. An einem Tag verloren die Deutschen etwa 30.000 Mann, die Hälfte davon geriet in Kriegsgefangenschaft, was Eindruck auf die Oberste Heeresleitung (OHL) machte. Die Stabsoffiziere forderten von Erich Ludendorff die Erlaubnis zum Rückzug, dieser beharrte jedoch auf einer Verteidigung um jeden Preis. Die von ihm angeordnete starre Verteidigung hätte den Panzern der Alliierten (10 Bataillone mit 360 schweren britischen Tanks vom Typ Mark IV, 2 Bataillone mit 96 Kavalleriepanzern vom Typ Mark A sowie 2 Bataillone mit 90 französischen Renault FT-17) sogar einen noch größeren Erfolg ermöglicht; Ludendorff stimmte schließlich aber einer Rücknahme der Front zu.
Am 14. August kam es zu einer Konferenz in Spa, auf der ein Verhandlungsfrieden angestrebt wurde, obwohl die Armee vordergründig noch intakt war und an der Westfront über 2,5 Millionen Soldaten standen. Doch waren die deutschen Stellungen bereits sehr dünn besetzt – es hielt ein „Spinnennetz“ von Verteidigern. Angesichts der alliierten Überlegenheit herrschte auf deutscher Seite ein Mangel an fronttauglichen Soldaten, die Truppen waren schlecht versorgt, ausgelaugt und näherten sich dem Ende ihrer Kräfte. Dass Verhandlungen begonnen wurden, bildete später den argumentativen Hintergrund für die Dolchstoßlegende deutschnationaler und rechtsgerichteter Kreise. Die Oberste Heeresleitung hatte allerdings die Aussichtslosigkeit der Lage erkannt, zumal keine Personalreserven mehr zur Verfügung standen. Sie forderte am 29. September 1918 von der Reichsregierung die sofortige Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen mit dem Hinweis, dass die Front jeden Tag zusammenbrechen könne. In der Folge zog sich das Heer langsam zurück, und am 4. Oktober ersuchte die deutsche Regierung Woodrow Wilson, den Präsidenten der USA, um Waffenstillstandsverhandlungen. Dessen Vierzehn-Punkte-Vorschlag einer internationalen Nachkriegsordnung schien noch am ehesten eine Perspektive zu bieten.

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Mathematical Sciences Research Institute

Das Mathematical Sciences Research Institute (MSRI) ist ein mathematisches Forschungsinstitut an der University of California, Berkeley (nahe dem Grizzly Peak in den Hügeln über Berkeley), das 1982 von Shiing-Shen Chern, Calvin Moore und Isadore Singer gegründet wurde und u.a. von der National Science Foundation finanziert wird. Hier finden regelmäßig Workshops statt, davon vier über ein ganzes Semester zu Schwerpunktthemen (zwei davon jeweils gleichzeitig). Jedes Jahr werden 20 bis 30 Post-Doc-Wissenschaftler aufgenommen. Es gibt keine permanenten Fakultätsmitglieder außer Verwaltungsangestellten.
Zu den privaten Stiftern gehört der ehemalige Mathematikprofessor (einer der Entdecker der Chern-Simons-Theorie) und Hedgefonds-Gründer James Simons. Das MSRI ist auch um Öffentlichkeitsarbeit bemüht. Im Simons-Auditorium finden regelmäßig klassische Musikkonzerte statt. Bekannt sind in Berkeley auch öffentliche Gesprächsrunden von Robert Osserman mit Künstlern, die einen Bezug zur Mathematik haben wie der Komiker Steve Martin, der Dramatiker Tom Stoppard, der Komponist Philip Glass. Das MSRI arbeitet auch mit Theaterautoren in Berkeley zusammen.
37.879799-122.244294Koordinaten: 37° 52′ 47″ N, 122° 14′ 39″ W

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Abbitte (Roman)

Abbitte (im Original Atonement) ist ein Roman von Ian McEwan aus dem Jahr 2001. Er wurde von der Kritik positiv aufgenommen und in der Zeit als „tiefenpsychologisches Meisterwerk“ bezeichnet. 2001 wurde der Roman für den Booker Prize nominiert. Das Magazin Time zählte ihn zu den besten 100 englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlicht wurden. 2015 wurde der Roman von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts gewählt. 2007 entstand eine gleichnamige Kinoproduktion des britischen Regisseurs Joe Wright.
Die zentralen Themen dieses Romans sind Liebe und Trennung, Unschuld und Selbsterkenntnis, Treue und Verrat vor dem Hintergrund der britischen Gesellschaft, die sich auf den Zweiten Weltkrieg vorbereitet und ihn dann bestehen muss.

Der 424 Seiten umfassende Roman ist in vier ungleich lange Teile eingeteilt. Teil I spielt auf dem englischen Landgut der Familie Tallis im Jahr 1935. Ein ungewöhnlich heißer Sommertag wird in sehr langsamem Erzähltempo beschrieben, wobei die Ereignisse aus mehreren verschiedenen Perspektiven der daran Beteiligten nacherzählt und gestaltet werden. Der Vater, Jack Tallis, arbeitet und lebt in London. Seine Aufenthalte dort werden immer länger, seine Anwesenheit auf dem Landgut wird immer seltener, weil er in einem Londoner Ministerium den Verteidigungsfall vorbereitet. Die Mutter, Emily, glaubt jedoch, er habe eine Geliebte. Sie lebt mit der jüngsten Tochter Briony und den Hausangestellten auf dem Landgut. Die zehn Jahre ältere Schwester Cecilia hat gerade ihr Literaturstudium in Cambridge abgeschlossen und die nächsten Schritte ihres Lebens noch nicht entschieden. Sie befindet sich zu Hause zu Besuch. Ihr Bruder Leon wird zusammen mit seinem Freund Paul Marshall erwartet. Im Haus befinden sich ebenfalls die 15-jährige Cousine Lola mit ihren neun Jahre alten Zwillingsbrüdern. Frau Tallis hat die Geschwister bei sich aufgenommen, während die Eltern dieser Kinder sich trennen. Um die Ankunft ihres Bruders zu feiern, hat Briony das Theaterstück Die Heimsuchungen Arabellas geschrieben. Mitten in den Proben gibt sie allerdings das Projekt der Aufführung mit ihren Cousins und der Cousine als Darsteller auf.
Die 13-jährige Briony beobachtet, wie sich zwischen ihrer Schwester Cecilia und dem Sohn der Zugehfrau, Robbie Turner, eine Liebesgeschichte anbahnt. Mit der Erwachsenenwelt und ihrer Sexualität konfrontiert, interpretiert sie in ihrer kindlichen Phantasie die Situation als Bedrohung für sich und ihre Schwester. Als ihre Cousine Lola vergewaltigt wird, kommt sie als Erste an den Tatort, sieht den Täter noch im Dunkeln wegrennen und redet sich ein, es wäre Robbie Turner gewesen. Sie sagt gegen ihn aus, woraufhin Robbie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Nur Cecilia und Robbies Mutter glauben an seine Unschuld. Cecilia verspricht, auf ihn zu warten und bricht wenig später mit ihrer Familie. Sie lässt sich zur Krankenschwester ausbilden. Robbie wird aus dem Gefängnis freigelassen, nachdem er sich bereit erklärt, als Soldat im Zweiten Weltkrieg zu dienen.
Teil II beschreibt die Evakuierung der britischen Armee in Dünkirchen 1940. Robbie schlägt sich gemeinsam mit zwei Kameraden zum Evakuierungsort durch. Eine Verwundung und Angriffe von Sturzkampfbombern drohen sein Leben mehrmals zu beenden. Der Gedanke an Cecilia und an ihr Versprechen geben ihm aber immer wieder aufs Neue Mut und Überlebenswillen. Ob Robbie, dessen Wunde sich entzündet hat, tatsächlich aus Dünkirchen evakuiert wird, bleibt offen.
Im Teil III befindet sich Briony im selben Krankenhaus, in dem ihre Schwester ausgebildet wurde. Briony ist nun selbst Schwesternschülerin und an der Pflege der zurückkehrenden verwundeten Soldaten beteiligt. Sie hat ihren Fehler eingesehen, der darin bestand, Robbie der Vergewaltigung zu bezichtigen und glaubt nunmehr, dass der eigentliche Täter Paul Marshall gewesen sei. In einem Brief an ihre Schwester nimmt sie ihre Schuld der falschen Zeugenaussage auf sich, und sieht ihre harte Arbeit mit der Pflege der Verwundeten und Sterbenden als eine Art Sühne dafür. Briony ist anwesend, als Lola und Paul Marshall, der durch die Produktion von Schokoladenriegeln für die britische Armee zu Vermögen gekommen ist, in einer Kirche getraut werden. Obwohl diese Personen Robbie entlasten könnten, findet sie nicht die Kraft, vor sie hin zu treten und sie dazu aufzufordern. Schließlich sucht sie ihre Schwester Cecilia auf und gesteht ihr ihren Fehler und ihre Schuld. Bei Cecilia trifft sie auch Robbie an; das Liebespaar ist also nach langer Trennung und trotz aller fürchterlicher Prüfungen wieder vereint. Sie einigen sich darauf, dass Briony durch verschiedene juristische Maßnahmen anstreben soll, Robbies verlorene Ehre wiederherzustellen. Verzeihen werden sie ihr jedoch nicht.
Trotz aller Schwierigkeiten macht Briony kleine Fortschritte auf dem Weg zu ihrem eigentlichen Berufswunsch, dem der Schriftstellerin. Unterschrieben ist Teil III mit: B.T., London 1999. Der abschließende Teil des Romans trägt die Bezeichnung London, 1999 und ist nur 21 Seiten lang. Die Ich-Erzählerin Briony erzählt mit vielen Einzelheiten den Ablauf ihres 77. Geburtstages. Sie hat erfahren, dass sie an vaskulärer Demenz leidet und bald nur noch dahindämmern wird. Sie blickt auf ein Leben als erfolgreiche Schriftstellerin zurück. Erkennbar wird auch, dass die drei vorangegangenen Teile des Romans von ihr geschrieben worden sind. Als Schriftstellerin hat sie sich erlaubt, ein glückliches Ende zu erfinden, in dem Robbie und Cecilia vereint werden. In Wirklichkeit sei das Schicksal der beiden weitaus tragischer gewesen: Robbie starb am Strand von Dünkirchen an einer Blutvergiftung, und Cecilia kam in einem deutschen Bombenangriff während „The Blitz“ um. Briony hatte auch nie den Mut gefunden, Cecilia aufzusuchen und Abbitte zu leisten.
Überlegungen über Sühne und die Arbeit des Schriftstellers schließen den Roman ab. Briony kommt zu dem Schluss, dass weder die Fantasie des Schriftstellers noch die harte Arbeit der Krankenschwester jemals das Verbrechen der Dreizehnjährigen wiedergutmachen können. Die schöpferische Fantasie, die sie ursprünglich hatte schuldig werden lassen, weil sie an die Wahrheit ihrer Zeugenaussage gegen Robbie glaubte, hat auch nur auf der fiktiven Ebene des Romans Cecilia und Robbie die Chance für ein Glück bieten können, das die beiden in Wirklichkeit nicht erleben durften. Zum Schluss überlegt Briony, ob sie das Manuskript nicht noch weiter so umschreiben soll, dass Cecilia und Robbie versöhnt an ihrem 77. Geburtstag teilgenommen hätten.
Mit der Wahl des Titels Abbitte gibt Ian McEwan dem Leser das dominierende Thema des Romans vor. Diese Art und Weise, mit der der Autor seinen Leser führt, ist nicht häufig, lässt sich aber bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen: Jane Austens Roman Überredung (engl. Titel Persuasion) thematisiert die Folgen, wenn Personen nicht ihrer Neigung, sondern dem Rat anderer folgen. In den letzten Jahrzehnten ist dies allerdings häufiger anzutreffen. Prominente Beispiele dafür sind J. M. Coetzees Roman Schande (engl. Titel Disgrace, 1999), Salman Rushdies Romane Scham und Schande (engl. Titel: Shame, 1983) sowie Wut (engl. Titel Fury, 2001). Peter Careys Bliss (1981, übersetzt Glückseligkeit oder Glück), Anita Brookners Providence (1982, übersetzt Vorsehung) und A. S. Byatts Besessen (1982, engl. Titel Possession).
Ian McEwan bezieht sich in seinem Roman auf mehrere andere literarische Werke. Dazu zählen unter anderem Gray’s Anatomy, Virginia Woolfs Die Wellen, Thomas Hardys Jude the Obscure (deutscher Titel der aktuellsten Übersetzung Im Dunkeln), Henry James’ The Golden Bowl, Jane Austens Northanger Abbey, Samuel Richardsons Clarissa, Vladimir Nabokovs Lolita, Rosamond Lehmanns Dusty Answer sowie auf Shakespeare-Dramen Der Sturm, Macbeth, Hamlet und Ein Sommernachtstraum. McEwan selber gab an, dass er unmittelbar durch L.P. Hartley’s The Go-Between (dt. auch Der Zoll des Glücks oder Ein Sommer in Brandham Hall) beeinflusst war. Im Verlauf der Handlung erwähnt Briony außerdem in einem (fiktiven) Brief den Literaturkritiker und Herausgeber Cyril Connolly.
Die Ereignisse des ersten Teils des Romans finden vor dem Hintergrund einer für England ungewöhnlichen Hitzewelle statt. Leon Tallis kommentiert dies mit den Worten:
„Ich liebe England während einer Hitzewelle. Es ist ein anderes Land. Alle Regeln ändern sich.“
Tatsächlich folgt der fatale Abend im Jahre 1935 jedoch den Konventionen der englischen Oberschicht. Die im Haus der Tallis befindlichen Personen finden sich zu einem Abendessen ein, bei dem trotz der Hitze Rostbraten und Rosenkohl serviert wird und obwohl sie lieber wie die Kinder ein Glas kühlen Wassers hätten, müssen die Erwachsenen Süßwein als Aperitif trinken. Keines der drei bodentiefen Fenster des Esszimmer lässt sich öffnen, weil sich im Laufe der Jahrzehnte die Fensterrahmen verzogen haben und aus dem im Zimmer liegenden Perserteppich steigt warmer Staub. Als wisse sie von der gerade begonnen sexuellen Beziehung zwischen Cecilia und Robbie und als ahne sie die weiteren Ereignisse des Abends voraus antwortet Emily auf die Bemerkung ihres Sohnes:
„Meine Eltern waren immer der Ansicht, dass heißes Wetter bei jungen Leuten nur zu loser Moral führe. Weniger Lagen Kleidung, Tausende von Orten, an denen man sich treffen kann. Außer Haus und außer Kontrolle. Besonders deine Großmutter war immer unruhig, wenn es Sommer war. Sie träumte sich immer Tausende von Gründen zusammen, um mich und meine Schwestern im Haus zu behalten.“
John Mullan weist darauf hin, dass große Hitze in den Werken vieler britischer Autoren von Bedeutung ist und nennt als Beispiel E. M. Forster, Joseph Conrad und Graham Greene. deren Romanhandlungen allerdings häufig an exotisch heißen Plätzen spielen. Er verweist aber auch auf Jane Austen, in deren Roman Emma Wetter ein wesentliches Element ist, um die Handlung voranzutreiben. Auch hier gibt es eine Hitzewelle, unter deren Einfluss die vorgebliche Vornehmheit einiger der Protagonisten erodiert. In Thomas Hardys Roman Tess von den d’Urbervilles (1891) entwickelt Angel Clare während einer Hitzewelle eine zunehmend sexuelle Leidenschaft für die Romanheldin. Nach John Mullan nutzt Ian McEwan in Abbitte diese besondere Wetterlage besonders effektiv aus.
„Abbitte spielt besonders effektiv mit der Bedeutung des Wetters für die Erinnerung, mit der Idee, dass die Sommer der Vergangenheit heißer waren. Der Aufbau des Romans – bei dem an die Ereignisse im ersten Teil in den folgenden drei Teilen zwanghaft erinnert wird – bewirkt, dass die heißen, erdrückend stickigen Tage des Romananfangs erscheinen, als gehörten sie zu einer anderen Zeit: fern, längst verflossen, aber noch spürbar auf Grund des denkwürdigen, unentrinnbaren Wetters.“
Gegen Ende des Jahres 2006 wurde bekannt, dass die Schriftstellerin Lucille Andrews die Ansicht vertrat, dass Ian McEwans nur unzureichend würdige, in welchem Umfang er aus ihrer 1977 erschienenen Autobiografie No Time for Romance Material für die Beschreibung der Londoner Krankenpflege während der Zeit des Zweiten Weltkriegs entlehnt habe. McEwan sah sich frei von jeglichem Plagiat, während er gleichzeitig zugab, dass diese Autobiografie für ihn eine wesentliche Quelle der Inspiration darstellte. McEwans hatte Andrews und ihre Autobiografie in der Danksagung des Buches erwähnt und mehrere andere Schriftsteller ergriffen McEwans Partei, darunter John Updike, Martin Amis, Margaret Atwood, Thomas Keneally, Zadie Smith und der sonst öffentlichkeitsscheue Thomas Pynchon.
„In „Abbitte“ widmet sich Ian McEwan seinen alten, den großen Themen – Liebe und Trennung, Unschuld und Selbsterkenntnis, dem Verstreichen von Zeit –, und er tut dies souveräner, sprachmächtiger und fesselnder denn je. […] McEwan hat mit „Abbitte“ einen Roman geschrieben, der seine eigenen Mechanismen bewußt zur Schau und damit in Frage stellt. Das Ergebnis zeigt, daß es nach wie vor möglich ist, mit den Mitteln der klassischen Moderne große zeitgenössische Literatur zu erschaffen.“
„Ian McEwan hat einen Roman über die Literatur geschrieben, der gleichzeitig ein Roman über den Menschen ist. Gleichzeitig – darin liegt die Kunst. Kein Buch, in dem neben diversen Figuren auch einige literaturtheoretische Überlegungen vorkommen, sondern ein Buch, das nach der Moral des Schreibens fragt und Schreiben, also Imaginieren, als besonders heikle Form sittlichen Handelns betrachtet. […] Hier fallen das Ethische und das Ästhetische in einer Prosa zusammen, die vielsagend sein will und trotzdem klar sein kann.“
Für den Roman wurde McEwan unter anderem mit dem Los Angeles Times Book Prize, dem National Book Critics Circle Award und dem WH Smith Literary Award ausgezeichnet. Außerdem stand Abbitte auf der Shortlist für den Booker Prize.
In dem gleichnamigen Film waren die Hauptrollen mit prominenten Schauspielern wie Keira Knightley, James McAvoy und Vanessa Redgrave besetzt. Er war in sieben Kategorien bei den Golden Globe Awards 2008 nominiert. Ausgezeichnet wurde er als Bester Film – Drama. Dario Marianelli erhielt den zweiten Golden Globe für die Beste Filmmusik. Bei den Satellite Awards 2007 gewann Christopher Hampton eine Auszeichnung für das Drehbuch, der Film wurde außerdem in vier weiteren Kategorien nominiert: Knightley und Ronan als Beste Darsteller, Filmmusik sowie Kostüme.
Die Handlung des Romans wurde auch als Oper umgesetzt. Das Libretto stammt von Craig Raine und wurde musikalisch von Michael Berkeley umgesetzt.
Erste Liebe, letzte Riten | Der Zementgarten | Zwischen den Laken | Der Trost von Fremden | Oder müssen wir sterben? | Ein Kind zur Zeit | Unschuldige | Schwarze Hunde | Der Tagträumer | Liebeswahn | Amsterdam | Abbitte | Saturday | Am Strand | For You: Libretto für eine Oper von Michael Berke | Solar

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Judentum in Frankreich

Das Judentum in Frankreich zählt 606.561 Mitglieder (Anhand der Zählung des World Jewish Congress), wohingegen das jüdische Hauptorgan Frankreichs, der Appel Unifié Juif de France, nur 500.000 französische Juden ausmachen konnte. Somit sind bei einer Gesamtbevölkerung von 60.656.178 Einwohnern (Stand: Juli 2005) 0,9 bis 1 % Juden.
Im 20. Jahrhundert hat sich ein erheblicher Wandel vollzogen: Während Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein Land mit sehr geringem jüdischen Bevölkerungsanteil (ca. 50.000), ist es am Ende des 20. Jahrhunderts das Land mit der größten jüdischen Gemeinde Europas und der drittgrößten der Welt nach Israel und den Vereinigten Staaten von Amerika. Seit einigen Jahrzehnten repräsentieren sephardische Juden die Mehrheit.
Die jüdische Gemeinde Frankreichs konzentriert sich größtenteils in den Städten wie Paris, Marseille oder Straßburg.

Quellen: 1933: 1950: 1965: 1980: 1990: 2002:
Eine Liste der Großrabbiner von Frankreich enthält die Aufstellung: → Staaten in Europa unter Frankreich.
Eine Liste der Großrabbiner von Paris und Lyon enthält die Aufstellung: → Städte in Europa unter Lyon und Paris.
Personen französisch-jüdischer Abstammung oder jüdische Personen mit Bezug zu Frankreich sind:

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solarCity Linz

Die solarCity in der Linzer Katastralgemeinde Pichling (Stadtteil Ebelsberg) ist ein auf dem Reißbrett entstandener Stadtteil, der rund 4000 Menschen Wohn- und Lebensraum bietet. Die sozialen Wohnbauten wurden in Niedrigenergiebauweise gebaut, der Grundgedanke bei der Planung war, dass fossile Energieträger zum Treibhauseffekt beitragen und deswegen ihre Nutzung vermieden werden sollte.
1990 gab es in Linz rund 12.000 Wohnung suchende Menschen. Der Raum Pichling bot mit seinem großzügigen Flächenangebot, der Nähe zu den Traunauen mit kleinen Badeseen und dem bestehenden Wohnbaugefüge aus Einfamilienhäusern einen idealen Platz um die Stadt zu erweitern. Der Architekt Thomas Herzog, der damals das Design Center Linz baute, vermittelte den Kontakt zu den international bekannten Architekten Richard Rogers und Norman Foster. Sie entwarfen für die Siedlung kostengünstige, energiesparende Wohnungen und vertrauten die Ausführung den örtlichen Architekten an.
Die Planungen für das Vorhaben begannen 1992, ab 1999 wurden die 1300 Wohnungen schrittweise in Bauetappen innerhalb von sechs Jahren errichtet. Die Gesamtkosten für das Projekt beliefen sich auf 190 Millionen Euro, wobei knapp zwei Drittel auf den Wohnbau entfallen sind und die Kosten für die Infrastruktur nur ein Drittel der Gesamtkosten ausmachten.

Mittelpunkt der solarCity stellt der Ortsplatz mit Bank, Kaufhaus, Trafik und Kaffeehäusern dar. Um die zwischenmenschlichen Anliegen kümmern sich die Mitarbeiter des Stadtteilbüros und des Seelsorge/Begegnungszentrums. Um Familien und Kinder kümmern sich das Familienzentrum, zwei Kindergärten und das Schulzentrum, zu dem eine Volksschule, ein Realgymnasium und ein Hort gehören. Im Norden der solarCity befindet sich direkt anschließend ein Naherholungsraum. Seit September 2005 ist die solarCity durch die Linzer Straßenbahn an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden; innerhalb einer halben Stunde gelangt man damit in die Linzer Innenstadt.
Im Sinne einer umweltfreundlichen Siedlungsentwicklung wurde die Ver- und Entsorgung in die Gesamtüberlegungen bei der Planung der solarCity miteinbezogen.
Das Warmwasser wird in der solarCity zumindest zu einem Drittel durch Sonnenenergie erzeugt. Die restlichen zwei Drittel werden durch Fernwärme abgedeckt.
Der Großteil der anfallenden Abwässer wird über das städtische Abwassernetz entsorgt. Ein Regenwasserbewirtschaftungssystem mit Mulden, Rigolen und Rückhaltebecken gewährleistet ein Versickern des Regenwassers vor Ort.
Die alternative Abwasserentsorgung befindet sich noch im Versuchsstadium, derzeit erfolgt in 88 Wohneinheiten und der Schule die Entsorgung mittels Urinseparation.
Durch die getrennte Ableitung und Erfassung der Abwässer wird die Gewinnung von konzentriertem Dünger aus Urin ermöglicht und die übrigen Abwässer können effizient gereinigt werden. Vorerst kann Urin nach dem oö. Bodenschutzgesetz noch nicht auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht werden, und muss daher derzeit noch in die öffentliche Kanalisation eingeleitet werden.
Grauwasser und Fäkalien werden gemeinsam abgeleitet. Im Kompostabscheider werden die Feststoffe dann von der Flüssigkeit getrennt. Der vorkompostierte Inhalt des Abscheiders wird in der Landwirtschaft als Dünger verwendet. Das verbleibende nährstoffarme Abwasser wird in einer Pflanzenkläranlage gereinigt. Wenn positive Ablaufwerte der Pflanzenkläranlage vorliegen, wird die Einleitung der gereinigten Abwässer in den Aumühlbach angestrebt.
48.25788414.360461Koordinaten: 48° 15′ N, 14° 22′ O

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Metropolitankirche Agia Trias

Die Kathedrale Agia Trias (griechisch Αγία Τριάς ‚Heilige Dreifaltigkeit‘) im Bonn-Beueler Ortsteil Limperich ist die Metropolitankirche der griechisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, die als Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland organisiert ist.
Ab 1963 hatte die griechisch-orthodoxe Metropolie ihren Sitz in Bonn-Beuel. Spätestens als sich in den 1970er-Jahren Bonn als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland vom Provisorium löste, fasste die Metropolie den Entschluss, in der Stadt das Metropolitanzentrum mit Kirche zu errichten. Nicht unbedeutend dürfte in der Entscheidung auch die zentrale Lage in der alten Bundesrepublik gewesen sein, schließlich gab es damals noch sehr wenige orthodoxe Gotteshäuser in Deutschland.
Gottesdienste oder Veranstaltungen wurden von zahlreichen Persönlichkeiten besucht, so etwa 1998 von Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Roman Herzog zu einem Gottesdienst zu Ehren von Metropolit Augoustinos. Auch nach der Verlegung des Regierungssitzes nach Berlin 1999 stellte sich die Frage der Verlegung der Metropolie nicht.
Das heutige Kirchengebäude wurde 1976/77 nach Plänen von Klaus Hönig erbaut und Pfingsten 1978 durch Metropolit Irineos geweiht. Die Kathedrale aus ockertönigem Backstein ist ein Zentralbau auf dem Grundriss eines Griechischen Kreuzes. Über der Vierung erhebt sich eine oktogonale Kuppel. Die Kirche fasst etwa 400 Personen. Es handelt sich um eines der frühesten Beispiele Postmoderner Architektur in Deutschland.
Die Ausmalung der Kirche durch Christophanis Voutsinas dauerte 23 Jahre und wurde erst 2010 abgeschlossen. Die Malereien nehmen eine Fläche von mehr als 600 m² ein.
50.7268987.134412Koordinaten: 50° 43′ 37″ N, 7° 8′ 4″ O

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